Texte

Zu Utopien und imaginären Städten
Zu Science Fiction und Cyberspace
Zur Ideen der Vermessbarkeit von
Gesellschaft

Archäologie des Cyberspace: Die Entwicklung des Internet aus der Perspektive des Jahres 2000

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Interview mit der "Berner Woche" (Nr. 104/2000) anlässlich der Ausstellung
'[if...] - Wunschwelten der Kommunikation'
im Kornhaus Bern (5. Mai bis 30. Juli 2000) -> vgl. auch den entspr. Text im Museumskatalog

Die Ausstellung im Kornhaus Bern nimmt das Publikum mit auf eine Zeitreise von 1850 bis 2050 und beschäftigt sich mit den Visionen, welche die Entwicklung der Kommunikationstechniken vom Telegrafen bis zum Internet begleiteten. Aus diesem Anlass ein Gespräch mit dem Soziologen Felix Keller über den Cyberspace als Wunschwelt.

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< ´Berner Woche': Wie sehen Sie den Cyberspace: als virtuellen Marktplatz, Ort kollektiver Intelligenz, kalte Wüste oder mediales Gesamtkunstwerk?
Felix Keller
: Am ehesten als alles gleichzeitig. Der Cyberspace ist eine Art imaginärer Raum, in dem sich Phantasien und Vorstellungen treffen. Vielleicht ist er am besten beschrieben als eine ´kollektive Halluzination', wie der Erfinder des Wortes, William Gibson, sagte.

< Nicht von Halluzinationen, sondern von ´Wunschwelten der Kommunikation' handelt die Ausstellung. Inwiefern entspricht der Cyberspace utopischen Visionen?
Der Titel ist sehr glücklich gewählt. Tatsächlich taucht der Cyberspace nämlich als eine Utopie im ganz klassischen Sinne auf. Als ein Nicht-Ort also, in dem sich - wie in den frühen literarischen Utopien - eine ganz andere Gesellschaft entfaltet. In diesem Raum werden Wünsche wirklich, beispielsweise jener nach einer Gesellschaft, in der wir nicht mehr durch das enge Korsett von Raum, Zeit und Körper diszipliniert werden.

< Oft werden Internet und Cyberspace fälschlicherweise gleichgesetzt. Wie unterscheiden sie die beiden Begriffe?
Da sehe ich einen wichtigen Unterschied. Der Cyberspace ist, wie gesagt, eine Art kollektive Imagination. Das Internet hingegen ist reale Technologie, das, was im Alltag mehr schlecht als recht funktioniert. Es ist die reale Technologie, an die sich die Imagination des Cyberspace zur Zeit verzweifelt klammert, um Realität zu gewinnen. Deshalb auch die vielen Enttäuschungen rund um die Technologie.

< Welches ist die grundlegend neue Qualität des Cyberspace?
Diese liegt eben gerade nicht in der Technologie, sondern darin, dass wir uns Zeit, Raum und Identität anders vorzustellen beginnen und dadurch - wiederum mehr schlecht als recht - auch neue Realitäten schaffen. Es ist ja bemerkenswert, dass der Cyberspace als Idee und Wort schon lange vor der realen Technologie auftaucht, und dies sowohl in der Literatur wie in den visuellen Künsten. Der Cyberspace als Idee fordert ganz bestimmte Selbstverständlichkeiten des 'In-der-Welt sein' heraus: Wer und wo bin ich eigentlich wirklich? Kann ich an mehreren Orten gleichzeitig sein? Ist meine Präsenz in der Welt wirklich an einen Körper gebunden usf.

< Welche Rolle spielten Kunst und Literatur bei der Entwicklung dieser neuen, elektronischen Welt?
Ich selbst war erstaunt, wie sehr die grundlegenden Aspekte des Cyberspace bereits formuliert worden sind, bevor die konkreten Techniken entwickelt waren. Beispielsweise in der Mail-Art-Bewegung oder in den Installationen des Medienkünstlers Fred Forest. Verblüffend ist weiter, inwiefern Konstrukteure des Internets durch die Science-Fiction-Literatur beeinflusst worden sind. Nicht nur der Begriff des Cyberspace stammt von dort. Just jenes Medium also, von dem gerne gesagt wird, es vernichte die Bücherwelt, ist wesentlich von der in der Buchform erschienenen Literatur beeinflusst.

< Welche Funktionen von Kommunikation werden durch den Cyberspace gefördert, welche behindert? All jene Kommunikationselemente, die über den Körper funktionieren wie Gebärdensprache, Stimme, Tonfall treten in den Hintergrund. Jeder, der E-mail schreibt und empfängt, weiss um die Anfälligkeit des Mediums auf Missverständnisse. Einerseits ist E-mail unmittelbarer, direkter als ein Brief, eher wie ein Telefongespräch, andererseits fallen aber gerade bedeutende Elemente der Kommunikation weg, die beispielsweise erkennen lassen, dass etwas ironisch gemeint sein soll oder witzig. Die Versuche, diese Körperlichkeit wieder einzuführen sind kläglich. Wie lustig ist ein Witz, der mit dem Emoticon :-) als solcher gekennzeichnet ist? Handkehrum aber ist das Überschreiten sozialer Barrieren wohl einfacher geworden. Man getraut sich eher, jemanden ´anzusprechenª, sei es im Chat-Raum oder über E-mail.

< Inwiefern wird die reale Welt durch den Cyberspace sozusagen virtualisiert?
Der Pariser Medienphilosoph Pierre Lévy begreift die Virtualisierung als Problematisierung an sich gelöster Probleme. Ein virtuelles Unternehmen beispielsweise hat keine feste Lösung, wie Arbeit und Arbeitsplatz organisiert sind: Arbeit und Arbeitsplatz organisieren und kombinieren sich beständig neu. Insofern das Internet andere Kombinationen von Raum und Zeit ermöglicht, virtualisiert sich die Welt in der Tat: Die zeitliche Distanz zwischen dem Versenden und Erhalten umfangreicher Daten zwischen Kontinenten bricht zusammen, wer über welche Informationen verfügt ist beständiges ´Problemª. Das hat vornehmlich Konsequenzen für Bereiche, wo der Informationsaustausch wichtig ist: in der Ökonomie und der Wissenschaft beispielsweise und natürlich auch in der Liebe.

< Ist der Cyberspace nicht selbst ein virtuelles und vielleicht ähnlich überbewertes Phänomen wie es etwa die Aktien der New Economy sind?
Ich möchte noch einmal auf die Trennung zwischen realer Technologie und dem Cyberspace hinweisen: Gerade aufgrund dieser Trennung kommt es permanent zu einem Erwartungsüberschuss an die Technologie. Enttäuschungen sind vorprogrammiert wie der nächste Zusammenbruch des Datenservers.

< Wie grundlegend werden Internet und Cyberspace unsere Gesellschaft verändern?
Prognosen sind natürlich schwierig. Vielleicht erstarrt alles im jetztigen Zustand, oder bricht zusammen, wer weiss das schon. Handkehrum ist es bemerkenswert, dass bestimmte Technologien und ihre Kulturen immer ganze Gesellschaften massgeblich beinflusst und strukturiert haben. Ich denke da zum Beispiel an den Buchdruck oder die Entdeckung der Fliessband- und Massenproduktion. Weil das Internet in der Tat eine neue Kommunikationstechnologie darstellt, die zweifelslos auch in die Ökonomie eingreift, ist es plausibel anzunehmen, dass längerfristige gesellschaftliche Veränderungen zu erwarten sind. Diese Veränderungen dürften aber eher unauffälliger verlaufen und sind klar von Luftblasen wie der New Economy zu trennen.

< Was halten Sie von den quasi religiösen Hoffnungen, die viele mit dem Cyberspace verknüpfen?
Das ist ein interessantes Phänomen. Im Cyberspace treten vielleicht wirklich wieder archaische, religiöse Elemente auf. Mich erinnert beispielsweise die Verwendung von Avataren in den Kommunikationsräumen stark an eine neue Form von Schamanismus. Insofern der Cyberspace utopische Qualitäten hat, bietet er natürlich auch Raum für Erlösungsphantasien verschiedenster Art. Ein Typ für alle katholischen Leser Ihrer Zeitung: www.beichte.de.
Eine der Hoffnungen geht dahin, dass sich durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten die Öffentlichkeit demokratischer gestalten lasse.

< Teilen Sie diese Ansicht oder befürchten Sie, dass bloss die herrschenden Trends zur Monopolisierung verstärkt werden?
Ich würde eher eine Polarisierung erwarten. Ganz einfach deshalb, weil die moderierende und disziplinierende Macht des Staates relativiert wird, was an den Zensurmöglichkeiten gut absehbar ist. Insofern werden nicht nur bestimmte Dynamiken der Märkte verstärkt, sondern auch die Möglichkeiten von archaisch-demokratischen aber auch faschistischen Protestbewegungen, die sich teilweise stark über das Internet organisieren.

< Was sagen Sie zu Zukunftsfantasien, wie sie etwa in einem Film wie ´The Matrix' formuliert werden?
Ich glaube, dass die Zukunftsfantasien einer Zeit - neben ihrer Qualität als moderne Märchen - eine schöne Möglichkeit darstellen, die Vorstellungen einer Gesellschaft über sich selbst, ihre realen Probleme zu begreifen. Vergleicht man etwa ´Metropolisª mit ´Blade Runnerª, so sieht man ein grundlegend anderes Verständnis vom Verhältnis von Mensch und Maschine, Körper und Raum. ´The Matrixª ist in dieser Hinsicht insofern interessant, als er mit seinen Anspielungen und Zitaten eine Vielzahl von Deutungen und Projektionen von Ängsten und Hoffnungen zulässt. Zudem spielt er mit der Unklarheit dessen, was wirklich und was simuliert ist. Er passt somit ideal zur Unsicherheit und Deutungsoffenheit der gegenwärtigen technologischen und gesellschaftlichen Enwicklung.

< Wie realistisch ist es, dass wir, wie in der Ausstellung prognostiziert, dereinst Zeitreisen werden machen können?
Was die Zeitreise hinsichtlich der physischen Zeit betrifft: Die Zeitreisenden der Zukunft scheinen sich entweder perfekt zu tarnen oder einen weiten Bogen um die Gegenwart zu machen. Was die soziale Zeit betrifft: Ist in dieser Hinsicht die Zeitreise nicht schon alltäglich geworden? Manchmal scheint mir wirklich, als existierten schon alleine im Alltag verschiedene Zeiten gleichzeitig, die man beständig durchschreiten muss, tiefstes Mittelalter und 22. Jahrhundert.


Interview:
Thomas Allenbach

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